Antiquitäten fürs Büro

Alte Möbel sind einzigartig und können preislich mit zeitgenössischem Design konkurrieren. Die Bamberger Antiquitätentage zeigen, dass sie auch eine gute Investition sind.

Fast 6.000 Euro kostet der etwa 90 Jahre alte Schreibtisch, den das Bamberger Antiquitätengeschäft Hauptmann dieser Tage anbietet. Das gute Stück ist mit Nussbaumholz furniert, wie eine konstruktivistische Plastik öffnet und schließt sich der Schreibtisch in Ablagen, Rundungen und Nischen; alles ebenso funktional wie ästhetisch. Ein so kapitales Möbel in seinem Büro zu haben wird Eindruck machen. Trotzdem zögern viele Menschen, Antiquitäten wie diese zu kaufen – oft aus Sorge, sich nicht auszukennen.

Diesen Zauderern und überhaupt jedem, der etwas Sinn für Kunst und Geschichte hat, sei eine Fahrt nach Bamberg empfohlen. Nicht nur weil zehn Händler und ein Auktionshaus dort vom 21. Juli an wieder die Bamberger Kunst- und Antiquitätenwochen ausrichten. Die Barockstadt ist auch sonst die Hauptstadt des Antiquitätenhandels. Wie nirgendwo sonst in Deutschland gibt es hier Generalisten, die von der Renaissancetruhe bis zum Barocksekretär, vom Meissener Porzellan bis zur spätgotischen Skulptur alles bieten – und ihren Kunden gern die Geschichten und handwerklichen Details ihrer Stücke erklären.

Zum Beispiel die jenes avantgardistischen Schreibtischs, der einst für einen Auftraggeber des Großbürgertums entstanden sein muss. Der Schöpfer ist zwar nicht mehr zu ermitteln, aber über das Umfeld besteht kein Zweifel: die klaren Formen des Bauhauses, durchdrungen von den skulpturalen, asymmetrischen Formverschiebungen des Art déco. Natürlich sind 5800 Euro für ein Möbel nicht geschenkt – viele Menschen müssen darauf eine ganze Weile sparen –, und doch ist sein Preis günstig: Wenn man wüsste, welcher Architekt das Möbel entworfen hat, würde heute womöglich das Zehnfache veranschlagt. Gänzlich wertlos wird eine gut erhaltene Antiquität indes nie.

Was für ein gutes Geschäft der Art-déco-Schreibtisch bei Hauptmann ist, versteht man spätestens, wenn man sich in gehobenen Möbelgeschäften umtut. Beliebt sind heute vor allem die Designer der Moderne, klassische Modelle der Zwanziger und Fünfziger: Stahlrohrmöbel aus der Bauhauszeit von Marcel Breuer oder Ludwig Mies van der Rohe, vom epochalen Le Corbusier, vom Finnen Alvar Aalto oder dem genialen kalifornischen Paar Charles und Ray Eames. Ihre Stücke werden zu stolzen Preisen von Thonet, Cassina, Knoll oder Vitra immer noch hergestellt. Für Mies’ berühmten Barcelona-Chair muss man mindestens 7000 Euro, für Corbusiers LC2-Sessel ab 4500 Euro ausgeben. Wertanlagen sind alle diese Möbel nicht. Es ist wie bei Autos: Sobald sie das Geschäft verlassen, sinkt bereits ihr Wert. Nur originale Prototypen erreichen auf Auktionen sechs- oder gar siebenstellige Preise. Sie sind echte Wertanlagen.

Quelle: zeit.de

Antiquitäten helfen aber auch, das gängige Einerlei von Eames und Co. im bürgerlichen Geschmack zu brechen. Jedes Möbel bringt Individualität und Wärme in Wohnungen, besonders wenn die sonst die Aura des Bauhauses und des Mid-Century-Designs verströmen: Stahlrohr, schwarz lackiertes Holz, Glas, klare Formen und weiße Wände, darauf Gegenwartskunst. Komplett in Rokoko oder Biedermeier wird sich kaum noch jemand einrichten, aber ein Louis-XV-Sessel mit elegant geschnitzten Ornamenten behauptet sich in jeder kühl-modernen Umgebung.

Wie überall haben die musealen Spitzenstücke auch in Bamberg ihren fünf- und sechsstelligen Preis – bei Franke, Senger oder Schmitz-Avila etwa. Aber es lässt sich für jeden Geldbeutel etwas finden. Einen vielversprechenden Mittelweg verfolgt das Händlerpaar Marta und Gregor von Seckendorff. Dessen Möbel sind gut ausgesucht und restauriert – so etwa ihr bequemer Empire-Sessel, der wohl um 1810 im höfischen Umfeld in St. Petersburg entstand. Aus dem massiven Mahagoniholz wurden blättrige Beine, fleischige Voluten der Arme und andere klassizistische Ornamente geschnitzt. Die Seckendorffs haben die Sitzfläche aufwendig neu polstern und mit erlesenem Seidenstoff beziehen lassen. Bei einem Pariser Luxus-Händler würde der Fauteuil wohl mindestens 20.000 Euro kosten, in Bamberg ist er mit 8.700 Euro veranschlagt. Auch wenn das für viele Menschen zwei oder drei Monatseinkommen sind, ist es eine gute Geldanlage. Das gilt auch für eine modern wirkende Kommode aus der Zeit um 1810 aus der Werkstatt des Münchner Hoftischlers Daniel. Kein Schnörkel mischt die linearen Formen auf, dafür lodert die Kirschholzmaserung über die Flächen. Die 6.800 Euro bei Seckendorff sind dafür ein moderater Preis.

Mit Möbeln wie diesen befinden wir uns derzeit in einer einzigartigen Situation: Als sie entstanden, waren sie Königen, Aristokraten oder der reichen bürgerlichen Elite vorbehalten. Heute dagegen sind die kostbaren Möbel für viele erreichbar. Dass ihr Marktwert wieder steigt, kann niemand voraussagen. Aber eins ist sicher: Noch nie konnte man herrliche Antiquitäten so günstig kaufen wie heute.

Wie stehen Sie zu Antiquitäten? Oder bevorzugen Sie doch eher die eine moderne Einrichtung für Ihr Büro?