blogomatic.de Was so interessiert / interessieren koennte.

11Sep/091

Don’t try to be original, just try to be good.

Kurzbeitrag: Sagte Paul Rand, einer der wichtigsten Grafikdesigner des letzten Jahrhunderts. Die in der Öffentlichkeit wohl bekanntesten "Werke" sind das IBM und das UPS-Logo. Der Merksatz ist zwar tatsächlich ein guter Merksatz, gleichwohl aber schwer zu befolgen. Dennoch vielleicht eine kleine Anregung für die Designer unter meinen Lesern. Ich, als Nicht-Designer, werde künftig versuchen ihn mir zu Herzen zu nehmen. Vielleicht steigert das die Qualität meiner Entwürfe. (via CreateOrDie und LogoDesignLove)

8Aug/090

Wenn Einzelfälle Gesamtbilder bestimmen.

Die mediale Darstellung von Zusammenhängen führt des Öfteren dazu, dass aus Einzelfällen repräsentative Merkmale von Gesamt-Strukturen werden. Aufhänger dieses Artikels ist ein Post auf lawblog.de zum kürzlich ergangenen Urteil des BGH im Zusammenhang mit dem Mord-Geständnis eines Marokkaners.

In diesem Beitrag spricht Herr Vetter davon, dass durch das Verhalten Einzelner ein Schaden am Gesamtbild "Rechtsstaat" bleibe:

Dennoch, ein Schaden für den Rechtsstaat bleibt. Man muss sich nur vergegenwärtigen, diese Aktion hat nicht etwa ein übereifriger Polizist allein durchgezogen. Vielmehr wurde sie über die gesamte befasste Justizkette – vom Polizeipräsidium, über die Staatsanwaltschaft, den Ermittlungsrichter bis zu den Verantwortlichen der Justizvollzugsanstalt – ausgetüftelt, abgesegnet und tatkräftig umgesetzt. Niemand hatte offenbar Zweifel an dem, was er tut. Oder, vielleicht noch schlimmer, nicht den Mut nein zu sagen.

Der Hintergrund

In Kurzform: Mann marokkanischer Herkunft sitzt in Deutschland in U-Haft und wird verdächtigt, seine Geliebte umgebracht zu haben. Da diese leider spurlos verschwunden und die Beweislage deshalb mehr als dünn ist, entscheidet man sich mit dem Verdächtigen ganz besonders nett umzuspringen und gönnt ihm ein Gespräch mit seiner Ehefrau im privaten Umfeld, alleine in einem Zimmer - sogar marokkanisch dürfe man sprechen. Problem: das Zimmer ist natürlich komplett verwanzt und so kann der Verdächtige erfolgreich überführt werden (...als er seiner Ehefrau von dem Mord an seiner Geliebten berichtet. Aber okay).

Warum das Theater?

Der Staat hat sich mit dem Grundgesetz ein Art Regelwerk gegeben, was mit seinem Element der Rechtsstaatlichkeit jedem Bürger nicht nur den Föderalismus schenkt, sondern ihm auch die Garantie auf ein faires Verfahren gibt. Das heißt im Endeffekt, dass ein Bürger vor Gericht wie jeder andere behandelt wird, dass jemand der angeklagt ist solange unschuldig ist, bis das Gegenteil bewiesen ist und dass der Staat seine Bürger eben nicht austrickst. Zumindest nicht übermäßig.

Der BGH kommt ins Spiel

Und so befand der BGH dann auch, dass hier übermäßig getrickst wurde, denn: die im Telefongespräch aufgenommen Aussagen von dem Angeklagten wurde als Beweismittel dazu verwendet ihn zu überführen. Das komplette Urteil kann die entsprechend interessierte Person hier nachlesen.

Auszug aus dem Urteil

Für alle anderen gibt es hier die Kurzform des Urteils mit den spannenden Abschnitten:

Die Ermittlungsbehörden haben sich aber in einer Situation, in der dem Angeklagten ein Ausweichen auf ein von ihm selbst gewählten Gesprächsort nicht möglich war, nicht darauf beschränkt, die Gespräche des Angeklagten zu seiner Ehefrau akustisch zu überwachen. Sie haben vielmehr bewusst eine von den üblichen Abläufen in der Untersuchungshaft derart abweichende Besuchssituation geschaffen, dass nicht lediglich ein Irrtum des Angeklagten ausgenutzt wurde.

Vielmehr wurde, anders kann man das Vorgehen nicht verstehen, die Situation – gezielt – zur Erlangung einer gerichtsverwertbaren Selbstbelastung des Angeklagten herbeigeführt. Im Rahmen ihres Vorgehens haben die Ermittlungsbehörden mit mehreren aufeinander abgestimmten Maßnahmen dem Angeklagten den Eindruck vermittelt, er erhalte nun eine Sonderbehandlung und dürfe sich völlig ungestört und ohne jegliche Überwachung mit seiner Ehefrau – noch dazu in marokkanischer Sprache – unterhalten. …

Angesichts dieser Einwirkung auf das Vorstellungsbild des Angeklagten, die ihn zu der Fehlvorstellung gelangen ließ, die Besuche würden nicht überwacht, ist das Vorgehen der Ermittlungsbehörden unter gezielter Ausnutzung der besonderen Situation des Untersuchungshaftvollzuges zur Erlangung einer prozessverwertbaren Selbstbelastung des Angeklagten schon vor dem Hintergrund des verfassungsrechtlich verankerten Verbots eines Zwangs zur Selbstbelastung („nemo tenetur se ipsum accusare“) bedenklich.

Der eigentliche Gedanke

Am Image des Rechtsstaats wurde mal wieder gekratzt, wie des Öfteren in letzter Zeit. Doch dieses Mal nicht ganz oben im Ministerium, sondern fast auf lokaler Ebene. Irgendwie mutet es schon seltsam an, wenn die ganze juristische Kette das Spielchen mitspielt und ganz offensichtlich gegen das Grundgesetz und verfahrensrechtliche Mindestgebote verstößt. Immerhin war hier die Aufnahme des Gesprächs offenbar von allen Beteiligten, vom zuständigen Staatsanwalt bis zum kleinen Polizisten, abgesegnet.

Zum Begriff der Fairness

Doch ist es fair das gesamte System in Frage zu stellen, weil Einzelpersonen ihre Kompetenzen überstrapazieren? Meines Erachtens nicht. Deshalb ist auch mehr als unfair gegenüber dem Gesamtsystem, wenn die Berichterstattung über Einzelfälle dazu führt, dass sich das Image des Gesamtsystems verschlechtert.

Dennoch ein weit-verbreitetes Phänomen in der deutschen Medienlandschaft, was aber nicht unbedingt am Medium an sich liegt, das einfach nur sensationsgeil ist und sich deshalb vornehmlich auf Einzelfälle stürzt, als mehr an der Diskussion über die einzelnen Themen, die sich aus der medialen Beachtung entwickelt.

Ein Ausweg aus diesem Teufelskreis wäre mal wieder das Internet als Chance, die Berichterstattung zu diversifizieren und Einzelfälle differenzierter zu betrachten, weil sich mehr Autoren an einem Thema beteiligen. Das wirkt sich auch auf die Diskussion aus - wäre zumindest meine Hoffnung. Was man bisher nur im Kleinen in der Blogosphäre beobachten kann, könnte man im Großen erst dann vollkommen erfahren, wenn man endlich anfangen würde das Internet als Chance zu begreifen und es nicht ständig zu verteufeln.

7Aug/091

Davon, wie Twitter das tägliche Leben beeinflusst oder: die Abhängigkeit des modernen Menschen.

Gestern war so ein Tag. So ein Tag, der einfach mal aufzeigt, was uns fehlt, wenn es fehlt. Die DoS-Attacke auf Twitter konnte den Dienst wenige Stunde lahmlegen und bewegte sogar den Chef höchstpersönlich zu einem Statement. Biz Stone verärgert über die Attacke:

We had a lot of things we'd rather be doing this morning, defending against a DoS wasn't one of them.

Im Endeffekt war das alles gar nicht weiter schlimm. Nach einigen Stunden harter Arbeit war Twitter wieder online und was blieb war ein trockenes Abschluß-Statement nach dem Motto:

Wir wissen, dass noch viel harte Arbeit vor uns liegt, um solche Attacken in Zukunft besser überstehen zu können.

Auch Facebook wurde schon scheinbar angegriffen - das massenweise Anlegen von hunderten Benutzerprofilen parallel konnte die Server aber nur partiell bezwingen. Und so bleibt nichts als ein fader Nachgeschmack.

Wenn Datenströme versiegen

Denn: was wäre denn eigentlich, wenn nur eine der Spekulationen wahr wäre und tatsächlich der KGB versucht hätte einen georgischen Blogger mundtot zu machen? Was wäre, wenn plötzlich private oder staatliche Stellen Medien, die sie nicht auf offiziellem Wege blocken können (Iran's Twitter Revolution), versuchen technisch auszuschalten?

In einer Zeit in der sich mehr und mehr Menschen darauf verlassen über einzelne Dienste an das aktuelle Geschehen angeschloßen zu sein, könnte so ein Eingreifen desaströse Folgen haben. Um zu unterstreichen, um was es mir bei diesem Gedankengang geht, folgendes Bild.

Entwicklung der Themen(-quellen) von Blogosphären

Entwicklung der Themen(-quellen) von Blogosphären

Für den Menschen als im Allgemeinen sortierfreudiges Wesen stellen die aktuellen Entwicklungen hervorragende Erleichterungen dar. Ich merks ja an mir selbst: statt täglich zig Blogs durchzuklicken, dazu noch die verschiedenen Online-Portale von Print-Zeitungen und dann noch Social-Networks nach News abzuklappern, klinkt man sich in Twitter ein und konsumiert in aller Seelenruhe, was einem so geliefert wird, was andere Menschen interessant, sehens- und lesenswert finden. Ist ja an sich auch eine gute Sache, immerhin kriegt man so das geliefert, was einen wirklich interessiert.

Die Abhängigkeit nimmt zu

Und dennoch: je abhängiger sich Individuen von einzelnen Quellen machen, je abhängiger sich ganze Gruppen von diesen Quellen machen, desto leichter fällt es, diese Gruppen von ihren Informationsquellen abzuschneiden. Was dann passiert, wäre nicht auszudenken - aber der gestrige Tag konnte schon mal einen Vorgeschmack liefern. Kurze Zeit nach der Attacke auf Twitter und andere Dienste wurde getweetet:

Ich fühlte mich wie abgeschnitten von der Welt und dem Geschehen - als würde das Blut nicht mehr fließen zwischen Herz und Hirn.

Diese Aussage an sich mag bedenklich erscheinen, sie ist vielleicht ironisch gemeint und biologisch sicher nicht korrekt. Aber sie zeigt, welchen Einfluß Twitter als Informationsquelle hat und was passiert, wenn es fehlt.

Ausweg Blogosphäre

Das hier soll kein Aufruf sein, sich nicht auf einzelne, lebens-erleichternde Medien und Dienste zu verlassen - es soll ein Aufruf sein auch Informationsquellen zu diversifizieren. Sozusagen eine Lobhymne an eine vielseitige Blogosphäre, die in einem auch dann noch Informationsfluß ermöglicht, wenn große Dienste nicht verfügbar sind. Eine Lobhymne an die vielen privaten oder semi-professionellen "Informationsdienstleister" die sich in der heutigen Welt entwickeln und ihren Beitrag zu einer informierten, reflektierten und gut recherchierten Diskussion zu einzelnen Themen leisten.